HMSN – Was verbirgt sich dahinter


HMSN = hereditäre motorisch-sensible Neuropathie oder auch 
CMT = Charcot-Marie-Tooth-Krankheit (benannt nach ihren Entdeckern)


Häufigkeit

Die Erkrankung betrifft schätzungsweise 1 von 2.500 Menschen

(Prävalenz von 1:2500-7:100000).

Sie zählt zu den häufigsten vererbten Krankheitsbildern des peripheren Nervensystems und ist dennoch bis heute relativ unbekannt. Trotz ihrer Häufigkeit im Vergleich zu anderen seltenen Erkrankungen ist CMT in der breiten Öffentlichkeit und auch im medizinischen Alltag nach wie vor eher unbekannt.

Damit stehen erbliche Neuropathien an der oberen Grenze der seltenen chronischen Erkrankungen. Rund 80 Prozent (geschätzt) davon sind hereditäre motorisch-sensible Neuropathien.


Was passiert bei HMSN?

Bei dieser Erkrankung sind sowohl die motorischen als auch die sensiblen Nervenfasern betroffen. Die Einteilung in Typ 1 und Typ 2 erfolgt nicht allein „je nach Befund der Nervenleitgeschwindigkeit“, sondern basiert auf dem pathologischen Mechanismus (Demyelinisierung vs. axonale Schädigung), wobei die Nervenleitgeschwindigkeit ein diagnostisches Hilfsmittel ist.


HMSN Typ 1: wird autosomal-dominant vererbt und macht etwa zwei Drittel aller HMSN-Fälle aus.

HMSN Typ 2: Hier liegt primär eine Schädigung des Nervenaxons (Nervenfaser) vor. Dadurch bleibt die Nervenleitgeschwindigkeit im Normbereich oder ist nur geringfügig verlangsamt (über 38 m/s). Man spricht auch von Typ II, CMT 2 oder axonalen bzw. neuronalen Formen der HMSN.


Die klinischen Auswirkungen sind bei beiden Typen jedoch sehr ähnlich.


Symptome und Verlauf

Beim Ausfall der motorischen Nervenfasern (Muskelschwund/Lähmungen) treten die ersten Symptome meist in der kleinen Fußmuskulatur und der vorderen Unterschenkelmuskulatur auf. Es kommt zu Störungen beim Anheben der Zehen und Füße, was zu häufigem Stolpern über Unebenheiten führen kann. Später kann eine Schwäche in den Händen auftreten, die Probleme bei der Grob- und Feinmotorik verursacht.

Der Ausfall der sensiblen Nervenfasern führt zu Gefühlsstörungen (Berührungs-, Temperatur- und Schmerzempfinden) sowie zu sehr schmerzhaften Missempfindungen wie Kribbeln, Brennen oder Stechen. Auch Wundheilungsstörungen können auftreten.

Wichtig: 

Bei jedem Betroffenen verläuft das Krankheitsbild unterschiedlich. Selbst innerhalb einer Familie lässt sich aus dem Verlauf eines anderen Familienmitglieds nicht auf den eigenen Krankheitsverlauf schließen.

Die HMSN – Typen 1 und 2, näher betrachtet:

(weitere wie die genauen Bezeichnungen des Typ 3 und Typ 4 (A-D, J, F), habe ich nicht aufgelistet)


TYP 1


TYP 1A: 

ist mit etwa 60 bis 70 %, die am häufigsten auftretende Form der HMSN.

Dieser Subtyp tritt auf, weil das PMP22-Gen auf Chromosom 17 dupliziert wurde.

Bei Duplikation handelt es sich um eine dreifache Kopie des PMP22-Gens, anstatt wie bei einem gesunden Menschen zwei Kopien. In der Regel ist auf jedem Paar von Chromosomen eine Kopie dieses Gens vorhanden. Bei HMSN 1A können jedoch Kopien des PMP22 auf einem Chromosomenstrang 2 gefunden werden.

PMP22 ist die Abkürzung für peripheres Myelinprotein und stellt die Schutzbarriere des Nervensystems dar.
Es entsteht in den Schwannschen Zellen und sorgt für den Transport von Nervenimpulsen vom Gehirn und Rückenmark in andere Körperregionen.

Warum das PMP22 solche Probleme macht, ist derzeit noch nicht erforscht.

In der Regel zeigen sich die ersten Anzeichen während der Kindheit. Die Kinder sind nicht in der Lage, so schnell zu laufen, fallen häufiger hin und können nicht gehen. Es ist möglich, dass sich Fußdeformationen (Hohlfüße) bilden und die Zehen eine Krallenform entwickeln. Die Muskeln der Hände und Füße bauen ab und atrophieren. Die Empfindung in den unteren Gliedmaßen (Unterarme und Unterschenkel) ist beeinträchtigt. Die Intensität dieser Anzeichen variiert je nach Person und reicht von kaum vorhanden bis stark betroffen. Viele Menschen, die davon betroffen sind, verwenden Orthesen (Schienen), um ihre Laufstabilität zu verbessern, aber in der Regel besteht für diese Patienten nicht unbedingt die Gefahr einer Rollstuhlpflicht.

Die Lebensdauer ist nicht zwangsläufig begrenzt.


TYP 1B:

Ein Defekt des MPZ-Gens auf Chromosom 1 ist die Ursache für diese Art.
Das MPZ ist auch ein peripheres Myelinprotein, dessen Funktion aber noch nicht bekannt ist.

Der Typ 1B ist ebenfalls autosomal-dominant vererbbar.

Die Schwere der Erkrankung variiert auch bei Typ 1B von einer sehr schweren Form mit einem sehr frühen Beginn (Kleinkindalter) bis zu sehr milden Verläufen, die erst später auftreten.

Der Verlauf schreitet langsam fort.


TYP 1C:

Chromosom 16 wurde von Wissenschaftlern der University of Washington als Genort für HMSN 1C bestimmt.

Die autosomal-dominante Vererbung dieses Typs führt zu distaler Schwäche, Atrophien, Sensibilitätsstörungen und einer Verringerung der Nervenleitgeschwindigkeit bei den Betroffenen.

Es gibt sonst kaum Informationen über das klinische Krankheitsbild, da es selten vorkommt.


TYP 1D:

Diese Art entsteht durch das auf Chromosom 10 gefundene ERG2 (early groth response protein 2).
Vererbung dominiert autosomal.

In den meisten Fällen ist der Verlauf von 1D sehr schwerwiegend, aber es gibt auch mildere Verläufe, die später beginnen.


TYP 1E:

Eine Punktmutation im PMP22-Gen ist die Ursache für diesen Typ.
Symptome treten häufig früher auf und sind schwerwiegender als die von Typ 1a.
In der Regel ist die Geschwindigkeit bei Betroffenen unter 10 m/s normal. Bei gesunden Menschen liegt diese bei über 50 m/s.

Kinder dieser Art lernen oft erst in den ersten beiden Lebensjahren das Laufen.

Viele Personen brauchen Hilfsmittel wie Gehilfen und Rollstühle viel früher als z.B. bei HMSN Typ 1A.

Die Form des Typs 1E ist äußerst selten und betrifft nicht mehr als 1%.


TYP 1F:

Chromosom 8 (Leichtketten-Neurofilament) ist der Ort des Defekts. Es handelt sich bei Typ F um eine sehr seltene autosomal-dominante Erbfolge.


TYP X:

Typ 1X ist die zweithäufigste Art von HMSN und macht etwa 10 bis 16% aller Fälle aus.

Ein Fehler des GJB1 (Gap Junction Beta 1), der auf dem X-Chromosom, einem der beiden Geschlechtschromosomen, vorliegt, ist der Auslöser.

Beginnt in der Kindheit oder Jugend. Männer sind in der Regel stärker betroffen.
Mittlerweile ist aber auch bekannt, dass Frauen auch betroffen sein können  von leichten bis zu schweren Verläufen.

Typ 1X – Vererbung: Männer mit HMSN 1X können den Defekt nicht an ihre Söhne vererben, sie geben den Defekt aber immer an ihre Töchter weiter. Bei Frauen mit HMSN 1X liegt die Wahrscheinlichkeit, den Defekt an ihre Söhne und Töchter zu vererben, gleichermaßen bei 50%.

Mittlerweile wurden noch weitere Gendefekte ausfindig gemacht, die auf dem X-Chromosom liegen.

Schätzungsweise über 400 Mutationen. Von Typ 1X – Typ 4 X.


TYP 2

TYP 2A:

Gendefekt: liegt auf Chromosom 1p36 auf dem MFN2-Gen. Der Verlauf ist oft schwer und es können Atrophien der Augenmuskeln beteiligt sein.


TYP 2B:

Gendefekt: liegt auf Chromosom 3, dem RAB 7 Protein. Hauptsächlich sensorische Störungen.


TYP 2C:

Gendefekt: liegt auf Chromosom 12. Sehr seltene Form. Besonderheit: es treten Stimmbandlähmungen auf.


TYP 2D:

Gendefekt: liegt auf Chromosom 7p14 – Ursache: eine Mutation im Glycyl tRNA Synthetase Gen.

Verläuft entweder sensomotorisch oder nur motorisch.


TYP 2E:

Gendefekt: liegt auf Chromosom 8p21- Ursache: eine Mutation im NEFL-Gen (Neurofilament Light Gene).


TYP 2F:

Gendefekt: dominante Mutationen im HSPb1 – Gen.

Tritt zwischen dem 6. und 54 . Lebensjahr auf. Charakteristisch: Gangstörungen – proximale Schwäche in den Beinen. Die Schwäche in den Armen tritt erst 5 – 10 Jahre später nach Krankheitsausbruch auf.

Je früher die Krankheit beginnt, desto schwerwiegender der Verlauf.

Einige Patienten leiden unter dem Verlust der Sensorik in Füßen und Händen.

Invalidität tritt nach 15 bis 20 Jahren Krankheit auf.


TYP 2K:

Gendefekt: autosomal-dominant vererbte Mutation in GDAP1-Gen.


TYP 2O:

Gendefekt: Mutation im DYNC1H1-Gen. Motorische Form.


TYP 2P:

Gendefekt: Mutation im LRSAM1-Gen. Seltene Form.


Typ 2S (festgestellt 2014):

Gendefekt: Mutation im IGHMBP2 – Gen


Typ 2Z (festgestellt 2016): 

Gendefekt: MORC2-Gen.

Einige Personen zeigen bereits in ihrer Kindheit eine generelle Schwäche.

Andere weisen eine beginnende Schwäche im Erwachsenenalter auf. Diese gehen mit proximalem Muskel- und sensorischem Verlust einher. Krämpfe in den Beinen, oft das erste Symptom.

Auch der Deltamuskel (Schulter) und die Nackenmuskulatur sowie die Hüftmuskulatur und die obere Muskulatur oberhalb von Knie und Ellenbogen sind betroffen.

Betroffene können im Laufe der Zeit Hilfsmittel brauchen; in der Regel wird ein Rollstuhl um das Alter von 50 Jahren benötigt.

Es sieht so aus, als hätte dieses Gen auch eine hohe Wahrscheinlichkeit für Mutationen.